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Languages of CommunityThe Jewish Experience in the Czech Lands$

Hillel Kieval

Print publication date: 2000

Print ISBN-13: 9780520214101

Published to California Scholarship Online: March 2012

DOI: 10.1525/california/9780520214101.001.0001

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(p.230) (p.231) APPENDIX Franz Klutschak’s Rendition of the Golem Folktale

(p.230) (p.231) APPENDIX Franz Klutschak’s Rendition of the Golem Folktale

Panorama des Universums, vol. 8 [1841]

Source:
Languages of Community
Publisher:
University of California Press

Der Golam des Rabbi Löw

Groß war der Weisheit des hohen Rabbi Löw in Prag. Im Talmud war er be-wandert, wie wenige Rabbiner der Welt vor und nach ihm, und Astronomie und die Künste der Kabbala betrieb und verstand er, daß auf weit und breit in der Judenschaft wie unter den Christen sein Name genannt wurde, und selbst der Kaiser Rudolph der Zweite sich herabließ und den gelehrten Rabbi Liwa in seinem schlichten Hause in der Judenstadt besuchte. Des hohen Rabbi Löw Name wird noch jetzt von den Kindern Abrahams mit Ehrfurcht und Bewun-derung genannt, und wenn die Rabbiner an seinem Hause in der breiten Gasse, auf welchem noch heute ein Löwe eingemeiselt zu sehen ist, vorübergehen, da wünschen sie sich im Geiste des hohen Liwa Gelehrsamkeit und Ruhm, und erzählen den Bochern von seinen Wundern.

Gar viele Wunder werden von ihm berichtet, und in der Altneuschule, dem düstern ehrwürdigen Gebäude, dessen Wände keines Menschen Hand vom Jahrhunderte alten Staube zu reinigen wagen darf, bewahrt man noch den Go-lam des hohen Löwen. Der Rabbi hatte mittelst seines kabbalistischen Wissens ein menschenartiges Wesen aus Lehm gebildet, ihm Leben eingehaucht und es zum Golam (Diener) der Altneuschul bestimmt, welche bekanntlich die Engel gleich nach Zerstörung des Tempels in Jerusalem erbaut hatten. Aber selbst die Weiseste hat Stunden der Schwäche und Rabbi Löw hatte, als er dem Golam den belebendem Odem einhauchte, ein Gebet herzusagen vergessen, und dadurch erlangte der Golam eine Macht, die selbst die Zaubergewalt des Rabbi überstieg. Glücklicherweise war sich der Golam seiner magischen Kräfte nicht bewußt und der hohe Löw erhielt dadurch Muße, sein Vergehen zu erkennen, (p.232) und auf Mittel zu sinnen, wie es wieder gut zu machen. Er ververtigte für jeden der sieben Tagen der Woche einen Talisman, der die Kräfte des Golam in Schranken, und seinen Sinn blos auf das Gute gerichtet hielt, und wenn der Rabbi am Abend beim Beginne des Tages in die Synagoge kam, nahm er den alten Sem (Talisman) aus dem Munde des Golam und vertauschte ihn mit einem neuen.

Der Rabbi hatte eine Tochter, Esther, die er sehr liebte, und der er jeden Sabbath Abend, wenn er aus der Synagoge kam, die Hände auf’s Haupt legte und sie aus vollem Herzen mit dem vorgeschriebenen Spruche segnete: “Gott erfreue Dich, wie Sarah, Rebekka, Rachel und Lea.” Esther trat eben in die Jahre, wo sie “Godolah” (volljährig) wurde, da ward sie krank. Rabbi Löw nahm zu seinen geheimen wissenschaften Zuflucht, um Esther zu heilen, aber auch hier fand er keine Hilfe, und Esther gesundete nicht, sondern ward immer kränker und kränker. So verfloß Tag auf Tag und Rabbi Löw nahm sich kaum Zeit, in der Synagoge zu heiligen Gebete zu verrichten. Der Freitag nahte seinem Ende, und Esther war noch kränker als zuvor. Da kam der Chassan (Vorsänger) aus der Synagoge und sprach: “Rabbi, wolltest Du heute den Sabbath nicht früher beginnen, denn es ist ein sehr heißer Tag und die Seelen im Fegefeuer bedürfen der Kühlung.”1 Der Rabbi warf einen traurigen blick auf das Bett seiner Tochter, und erwiederte, die Gemeinde solle nur heute ohne ihn den Sabbath beginnen, und der Chassan ging, und Rabbi Löw ließ die Lichter2 anzunden, und betete daheim neben dem Bette seiner Tochter das Kabala [sic] Schabbat, und die kranke Esther flüsterte es leise mit. Noch waren sie aber nicht bis zum zehnten Verse gekommen, da stürtze der Chassan athemlos und ganz bleich vor Schrecken wieder herein und vermochte vor Grausen kaum aufzuschreien: “Rabbi! Der Golam!”

Bei diesem Schreckensrufe erinnerte sich der Rabbi, daß er heute vergessen, dem Golam einen neuen Talisman in dem Mund zu thun, und daß dieser vielleicht zum Bewußtsein seiner Kraft gelangt sey. Es war nicht ein Augenblick zu verlieren, denn kannte der Golam wirklich seine Macht, so war das ärgste zu befürchten, und er konnte die ganze Stadt verderben. Der Rabbi trat daher zum Bette der kranken, legte ihr segnend die Hände auf’s Haupt, empfahl sie dem Schutze des Allerhöchsten, nahm einen neuen Talisman und eilte mit diesem in die Altneusynagoge. Als er in das düstere Innere derselben trat, beteten eben die erschrockenen Juden den ersten Psalm, und riefen die Verse desselben um so eifriger und lauter, je mehr Unheil und Spuk der Golam bald hinter ihrem Rücken, bald vor ihnen trieb. Eben als der Meister eintrat, rüttelte der Golam (p.233) an den Mauern des uralten Gebäudes, daß die Altneusynagoge in ihrem tiefsten Grundfesten erbebte, und die Lade Aron Hakadosch [sic], die an der Mauer gegen Morgen stand, umfiel, und die Leuchter niederstürtzten, und die Lichter erloschen, und die Finsterniß herrschte, als nahe der Tag des Weltendes. Als dies der Rabbi Löw ersah, rief er den Psalmenbetenden mit mächtiger Stimme zu: “Haltet inne!” Und sie hielten inne, und gebrochen war dadurch des Golams Macht, denn so lange der erste Psalm nicht zu Ende gebetet ist, hat der Sabbath eigentlich noch nicht begonnen und der Freitagstalisman des Golam kam wieder in Kraft. Der Golam sah plötzlich seine Macht gehemmt und der Rabbi trat mit dem neuen Talisman auf ihn zu, nahm ihm den alten aus dem Munde und that ihm den neuen hinein, und der Golam war dadurch wieder in den gehorsamsten Diener verwandelt, und vermochte kein Unheil weiter zu üben.

Und als nun die Ruhe wieder hergestellt und die Lichter wieder angezündet waren, da priesen die Juden laut die Weisheit des Rabbi Löw, die sie gerettet hat vor dem Verderben, und beteten inbrünstiger als je den ersten Psalm und die Gebete des Sabbaths, und sandten mit solcher Gluth ein Gebet um Gene-sung der Tochter des hohen Rabbis zu Jehovah, daß Jehovah gerührt den Malach Hamawod [sic] (den Würgengel), den er bereits in das Haus des Rabbis gesandt hatte, zurückrief, und der Rabbi, als er seine Wohnung kam, seine Tochter Esther gesund fand.

Das Andenken an diesen Sabbath wird aber in der Altneusynagoge noch immer gefeiert, und so oft am Beginne des Sabbaths der erste Psalm gesprochen wird, brechen die Betenden plötzlich ab, und beginnen erst nach einer viertel-stündigen Pause von neuem den Psalm: “Wohl dem, der nicht wandelt im Rathe der Gottlosen, und nicht tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, wo die Spötter sitzen.”

Und der Golam wird noch heute mit mehren anderen Reliquien berühmter Rabbi’s aufbewahrt unter dem Dachstuhle der Altneusynagoge.

Notes:

Mehre andre Sagen von Rabbi Löw findet man in meinem Aufsatze: “Der Judenfried-hof und seine Sagen,” in Panorama des Universums 1838, p. 292, welcher Aufsatz aus dieser Zeitschrift auch in die Zeitung des Judentums übergegangen war.

(1) Dem Rabbinerglauben zufolge feiern auch die Seelen im Fegefeuer den Sabbath, und verlassen, sobald die Sabbath-feier in der Synagoge begonnen, den Ort ihrer Qualen, und fliegen dem nächsten Wasser zu, in welchem sie sich so lange baden und abkühlen, bis der Sabbath zu Ende ist. Darum sollen auch die Juden am Sabbath aus keinem Bache trinken oder schöpfen, damit den Seelen nichts [nicht?] von ihrer Kühlung genommen werde.

(2) Die Lichter beim Beginne des Sabbaths zünden die Weiber an, zur Sühne für die Sünde des ersten Weibes, welches durch den Biß in den verbotenen Apfel der Sonne einen Theil ihres Glanzes geraubt hat.